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Stellungnahme des Landesjugendwerks der AWO
Kinder, die von ihren Eltern unterstützt, umsorgt und gefördert werden, haben gute Chancen, sich entsprechend ihrer individuellen Voraussetzungen positiv zu entwickeln – das ist unbenommen. Fraglich ist jedoch, ob Eltern die Lern- und Entwicklungserfahrungen, welche Kinder in Kindertagesstätten mit pädagogischem Fachpersonal und einer sozialen Bezugsgruppe Gleichaltriger machen, vollständig kompensieren können - und kompensieren müssen. Mit Sicherheit gibt es verschiedene AutorInnen, die, je nach Weltanschauung, politischer Intention und persönlichem Interesse, genau das propagieren. Wissenschaftlich belegt ist es nicht, im Gegenteil. Eine Mehrzahl von Untersuchungen aus den 1980er und 90er Jahren zeigen, dass sich Krippenerfahrungen positiv auf die allgemeine Intelligenz, Motorik, Kreativität, Leistungsfähigkeit und Sprachentwicklung auswirken. Zudem fördern Gruppenerfahrungen die soziale Entwicklung von Kindern. Nach Oerter und Montana (1998, S.927) sind Kinder mit frühen Gruppenerfahrungen zwar weniger gehorsam und höflich, dafür aber durchsetzungsfähiger und selbstbewusster. Demnach ist die Vermutung, dass die Betreuung in Kindertageseinrichtungen nur für Kinder aus sozial schwachen Familien von Vorteil ist, falsch, auch wenn eine Studie von Lally u.a. belegt, dass sie zum Ausgleich sozialer Benachteiligung beiträgt und damit soziale Gerechtigkeit befördert.
Es kann nicht das Interesse von professionellen PädagogInnen sein, die elterliche Kompetenz abzuwerten. Eltern sind als erste Bezugspersonen der Kinder nicht zu ersetzen. Die elterliche Verantwortung kann nicht oft genug betont werden. Das ändert sich auch nicht, wenn Kinder in die Krippe oder in den Kindergarten gehen. Kindertageseinrichtungen sind immer nur familienergänzende Einrichtungen. Sie bieten Eltern in ihrem Erziehungs- und Betreuungsauftrag kompetente Unterstützung, Entlastung und Bereicherung.
Dieser Verantwortung können Kindertagesstätten nur gerecht werden, wenn sie über ausreichende Mittel und über genügend qualifiziertes Fachpersonal verfügen. Diese Grundvoraussetzungen stehen aber im Rahmen der Familienoffensive von Herrn Althaus zur Disposition. Die Familienoffensive suggeriert Familienförderung und verschleiert de facto Kürzungen im Betreuungsangebot. Sie ist ein plumper Versuch der Landesregierung, Familien dafür zu bezahlen, aus ihrer sozialpolitischen Verantwortung entlassen zu werden. Wie die oben erwähnte Studie von Lally zeigt, nimmt sie damit entgegen den Grundsätzen einer solidarischen Gesellschaft die Gefahr größerer sozialer Ungleichheit mit all ihren Spätfolgen billigend in Kauf. Sie befördert zu dem ein äußerst fragwürdiges Frauen- und Mutterbild. Es ist zu vermuten, dass es vorwiegend Frauen sind, auf deren Rücken im Rahmen der Familienoffensive Arbeitsmarkt und Sozialkassen entlastet werden sollen. Mütter und Väter, die „nicht nur Kinderbetreuerin, sondern Vollwertköchin, Wäsche- und Raumpflegerin, Gärtnerin, Einkäuferin, Managerin, Krankenpflegerin“ sind, verdienen uneingeschränkt gesellschaftlichen Respekt und Würdigung. Dafür wird nicht genug getan und es müssen Wege gefunden werden, Eltern gesellschaftlich zu stützen. Die Familienoffensive ist dafür aber kein geeignetes Medium, weil die Anerkennung unabhängig davon sein muss, ob Eltern außerfamiliäre Betreuungsangebote nutzen oder nicht. Für Mütter und Väter, die sich schon jetzt selbstbestimmt dafür entscheiden, sich in den ersten Jahren um die Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder zu kümmern, bedeutet die Familienoffensive in der Tat eine (finanzielle) Verbesserung. In der Diskussion um gleichberechtigte Partizipation von Frauen am beruflichen und gesellschaftlichen Leben wirft sie uns aber als gut getarnte „Frauen zurück an den Herd“-Kampagne um Jahrzehnte zurück. Sie missachtet entwicklungspsychologische Erkenntnisse, fördert soziale Ungleichheit und hemmt den Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft in Thüringen.
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